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Befreiend – befreit – frei Kunst-Abschlussausstellung 2020

Unsere diesjährige Abschlussausstellung der Leistungskurse und des Grundkurses Kunst des Abiturjahrgangs war kaum eröffnet, so auch schon wieder geschlossen. 

Rückblickend sind wir froh, den Abend der Vernissage noch gemeinsam vor Ort im Deutsch-Russischen Museum bestritten zu haben. Ein Höhepunkt und ein würdiger Abschluss der Schulzeit.

 

Das Thema bezog sich nicht nur auf den 75. Jahrestag der Befreiung, sondern auch auf die Situation der Abiturient*innen, die sich an einer bedeutenden Schwelle in ihrem Leben befinden - ein Schritt weit entfernt von der Freiheit der Entscheidungen über den weiteren Lebensweg.

Im unteren Geschoss des Museums haben wir die künstlerischen Abschlusswerke gemeinsam gehängt und uns selbst über die Vielfalt der Gedanken, Interpretationen und Techniken gefreut. Neben einer Vielzahl an Leinwänden interessierte die Schüler*innen aber auch, die Welt durch den Fotoapparat zu sehen, den Freiheitsgedanken durch ein Video zu tragen oder mittels Objekten und Skulpturen die künstlerischen Angebote zu steigern. Farben explodieren, die Unbuntheit erfasst die Zwänge, das Vermissen von Freiheit oder Ängste.

(Hier gibt es die virtuelle Version)

Auszug aus der Eröffnungsrede:

„Vergnügt tanzt Nana durch den Saal - der Tanz als Ausdruck einer freiheitlichen Selbstäußerung, Kennen Sie Josephine Baker? Warum aber tanzen hier nur die Frauen? Zeigt es ihre Stärke, ihren Rhythmus?

Voller Ekstase fallen im Tanz Bananen vom Bild, hüpft der Pinsel über die Leinwand und findet im künstlerischen Tun die Freiheit. Doch hören Sie die Musik? Die Hummeln vibrieren in der Luft. Schwarz Gelb – Vom Naturnahen zur Abstraktion verwandeln sich die Töne in Formen und Farben. Gleich schon sind sie umgeben von den Ketten sprengenden Papageien, die gemeinsam versuchen zu entkommen, oder der vorsichtigen Taube im Käfig, die Geborgenheit verspürt und die bedrohliche Außenwelt scheut. Vögel, die aufsteigen und dem Menschen das Fliegen präsentieren. Die Ketten werden durch die eigene Kraft gesprengt. Der Prozess der Befreiung. Der Vogel kreist in der Natur zwischen Himmel, Gebirge und Wasser. Auch der Mensch schwebt gedankenfrei im Universum und wir tauchen ein gedankenverloren in die Tiefen des Meeres im Funkeln des Lichtes. Gespiegelt – Spiegelbilder – die Pfütze entdeckt das Gegenüber. Apropos Spiegel – schon einmal hineingeschaut. Ja - ja das sind Sie und hinter Ihnen Nana und all die anderen. Sehen und gesehen werden. Wie frei sind wir ?? Im Blick der Gesellschaft? In intimer Situation. Ein Kuss! Wer bin ich, wenn ich bin, wie ich sein soll?!

Drehen Sie am Rad und bringen Sie das Pferd zum Laufen oder ist die Freiheit nur 28 mm breit und schnell wie ein Blitz. Mit Kraft in die Pedale getreten und mit der Hand ins Holz geschnitzt - so fühlt jeder von Ihnen sich anders frei. Schwarz gegen Weiß, fester Würfel gegen weiche verlaufende Formen. Farbenglanz ergießt sich und umhüllt ein Paar. Endlos – Das Ohr lauscht, reden wollen, sich mitteilen – ein Gefühl von Vertrauen. Augen schauen - die Fenster der Seele, hinter Gittern.

Vidarr – eine nordische Figur, die für Freiheit gekämpft hat. So finden Sie eine Vielzahl an Symbolen. Suchen Sie mit dem Handy Empfang oder andere lebenswichtige Dinge? Nicht frei - zwischen Leben und Tod, Vorsicht vor der Badewanne. Mit welchen Gedanken tragen Sie sich in Vorbereitung auf das Abitur?

Unfrei, durch Einschränkungen, die wir manchmal gar nicht merken. Nachdenken ist gefragt. Fühlt man sich wohl im System der Zwänge. Will man ausbrechen oder mit dem Boot auf die andere bessere Seite rudern? Wie bitter sind die ersten Minuten der Freiheit, wie mühsam ist es, aus dem Ei herauszukriechen. Was bleibt hängen? Die Fäden an uns als Marionette. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Wie lange wird es dauern, bis wir uns befreien von gesagten Worten. Erlösung.

Nicht nur der Schmetterling will fliegen, auch die Kois. So wie Sie nach dem Abi auf und davon. Vielleicht zur nächsten Ausstellung kommen Sie flutter by.

Klimawandel – noch nicht lange her, da drängte es Sie freitags zu Demos. Ihre Angst um die Welt lässt sie nicht frei sein. So wird Weggeworfenes ästhetisch wiederverwendet und zeigt unter Plastikdeckeln Ihr Gesicht. Wir sehen die Natur - Meere, Berge , Luft. Wie viel Kunststoff ist in ihr, wie viel nehmen wir täglich auf? Die Sehnsucht nach Freiheit wird bleiben.

Die Wünsche können harmlos sein, klein, bescheiden, aus der Sicht Gefangener. Lassen Sie sich durch die Enge der Gedenkstätte Hohenschönhausen führen oder folgen Sie der Befreiung eines Paares. Nehmen Sie sich die Zeit auch für die modernen Medien.

Meditieren Sie wie der Buddha. Ruhe genießen – auch das ist Freiheit. Den sonnendurchfluteten Wellen in der Karibik lauschen fernab der Großstadtenge. Kann man ihr mit dem Ballon entkommen? Wie zwei Familien auf einer tollkühnen Flucht aus der DDR? Sind es 99 Luftballons? In schwindelerregender Höhe mit Gelassenheit über das abendliche Berlin schauend – frei zwischen Himmel und Erde.

Welches Unheil bringt Pandora? Ist es der Egoismus oder Corona? Freiheiten sind mit Vorsicht zu genießen.

Freudvoll schauen wir auf den sonnigen Platz in Sankt Petersburg mit der Alexandersäule als Zeichen des Sieges Russlands über das napoleonische Frankreich und die blauen strahlenden Wolken. Ein zweiter Kuss - von großer Bedeutung, abermals zwei Männer. Der Bruderkuss, - Ihren Eltern weit mehr sagend als vielleicht Ihnen. Freiheit – Gleichheit - Brüderlichkeit – nicht ohne Frankreich. Doch dann kehren wir zurück zu der Geschichte des Hauses, die in Gruppenbildern thematisch angesprochen wird und zu dem Jahrestag in Beziehung stehen.

Zu guter letzt führt mein Exkurs vorbei an Christus als Befreier mit Blick auf die Erlösung des Danish Girls – zurück zur Frau! - umgeben von gesplittertem Glas, klar, scharf, sich öffnend. Zwischen Leben in der Abstraktion eines Frauendetails mit Engel und dem blumengeschmückten, lächelnden Tod. Die Freiheit danach.

Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit. Das Geheimnis der Freiheit aber ist der Mut.

Seien sie also mutig, um glücklich zu sein, weil sie dann frei sind und nicht gierig im Anblick der Villa ohne Gorilla. ...“

Anke Bell
Fachleiterin Kunst

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